Pesel

Pesel | Die ›gute Stube‹

Pesel | ›Gute Stube‹ im Altfriesischen Haus in Keitum auf der Insel SyltIn den friesischen Bauernhäusern an der Nordsee, auf einigen Inseln, in Dithmarschen und besonders auf den Halligen Hooge und Langeneß gibt es einen Raum, mit der aus dem friesischen stammenden Bezeichnung ›Pesel‹ (altfriesisch als ›Pisel‹ oder ›Piesel‹, in mittelhochdeutsch auch als ›phiesel‹ bezeichnet ). Gemeint ist mit diesem Begriff der repräsentabelste Raum im Haus, eine Art ›gute Stube‹, ›beste Stube‹ oder ›Feststube‹. Wohnen im herkömmlichen Sinne war in der ›altfriesischen Stube‹ nicht vorgesehen, vielmehr nutzte man ihn nur zu besonderen Anlässen, etwa für Familienfeiern, Besuche, Festtage oder sogar zum Aufbahren von Verstorbenen. »Dem Pesel entsprachen auf Fehmarn der ›Saal‹, in den Elbmarschen die ›Sommerstube‹, in der Probstei die ›Kistenkammer‹, in Angeln die ›Bestestuuf‹.« (Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Ortwin Pelc, a.a.O., Seite 407)

Als Zeichen des Wohlstandes wurde ein Teil der Wände mit handgemalten blauen und braunen Fliesen versehen, die von Kapitänen und manchen Seeleuten als Schiffsbeiladung aus Holland, zumeist aus der nordöstlichen Provinz Friesland, zu Hunderttausenden im Verlaufe des achtzehnten Jahrhunderts mitgebracht wurden. Welche Motive finden sich auf den Fliesen? Rektor H. W. Jessel von Westerland, Sylt, Heimatkundler und Sammler von Fliesen, zählt zu den am häufigsten vorkommenden Fliesen solche mit Blumenmotiven. Das sind zum Beispiel »Blompottjes und Zwiebelmuster, Fliesen, die aus einem Blumentopf oder einer Blumenzwiebel drei langgestielte Blüten gleichmäßig über die ganze Fläche ausstrahlen. Ebenso verbreitet waren die kleinen Blumen ohne Kreis, Phantasieblumen […]. Aus leichtgeschwungenen Blattrosetten und melonenähnlichen Vasen sprießen südländisch anmutende Blumen hervor, und geheimnisvolle Vögel hocken zwischen den Blättern. Die Fliesen mit großen Blumen sind kräftig gemalt und […] erinnern an Päonien, Rhododendren, Dahlien und Sonnenblumen.« (vgl. a.a.O., Seite 61)

Bisweilen hört man von manch einem Landwirt im Landkreis Dithmarschen oder im Westen Schleswigs nicht ohne Stolz den Hinweis: »Wie hebt ok’n Pesel«. (vgl. Prof. Dr. Otto Lehmann, in: Das Heimatbuch der Nordfriesen, a.a.O., Seite 55). Es wird berichtet (vgl. Lorenzen-Schmidt u. Pelc, a.a.O., Seite 407), dass im Mittelalter der Pesel noch als eine Art Allzweckraum genutzt wurde, in dem durchaus auch gekocht, hauswirtschaftliche Arbeit verrichtet, Vorrat gespeichert und mitunter auch Kleinvieh gehalten worden sei. Erst gegen Ende des Mittelalters verschob sich diese Allzweckfunktion hin zu einem besonderen Raum, einem Prachtraum, der für besondere Festlichkeiten vorgesehen war. Aus dem Allzweckraum wurde ein Fest- und Gastraum. Dort war auch eine Schlafnische – ein Alkoven – untergebracht, diverse Brautkisten, Truhen und reich verzierte Bauernschränke. Da der Raum unbeheizt blieb, konnte der Pesel, der wohl aus diesem Grunde auch die Bezeichnung ›kalte Pracht‹ erhielt, recht eigentlich selten genutzt werden. Die Kinder und Dienstboten mieden ihn in der Regel.

Ein Stück Friesenkultur findet sich im als Heimatmuseum eingerichteten ›Königspesel‹ der Familie Bendixen, inmitten der Hanswarf auf der Hallig Hooge. Das Gebäude wurde 1776 von Tade Hans Bandix errichtet, einst ein Kapitän und Schiffseigner. Der ›Kongepesel‹, wie der ›Königspesel‹ im Dänischen auch genannt wird, gehört heute zu den eindrucksvollsten Räumen der Hallig und wird von den Tagesgästen der Hanswarf am häufigsten besucht. Seinen Namen erhielt der Raum, nachdem hier der dänische König Friedrich VI, der von Pellworm kommend die Hallig besichtigen wollte, gezwungenermaßen die Nacht vom zweiten auf den dritten Juli 1825 im Alkoven der ›guten Stube‹ im Hause der Witwe Stienke Alberte Hansen verbringen musste, da er wegen einer kleineren Sturmflut Hooge nicht mehr rechtzeitig verlassen konnte. Auf einem Balken über dem Wandbett des Alkovens lesen wir das biblische Motiv:

»Wie Gott es füget, so mir genüget. Nur wünsche zu erwerben ein seliges Sterben.«

Im Gegensatz zum nicht beheizbaren Pesel, der den besonderen familiären Zusammenkünften und Ereignissen den würdigen Rahmen verleiht, gibt es freilich noch die normale Alltagsstube. Gemeint ist die beheizbare Wohnstube, der tägliche Aufenthaltsraum, der in Schleswig-Holstein durchaus für mehr Behagen sorgte. Sie schließt sich dem Pesel an und wird im friesischen auch als ›Döns‹ bezeichnet. Der Döns konnte von außen mit Hilfe eines Hinterladerofens, dem ›Bilegger‹ (Beilegerofen), an seiner Rückwand, von der Küche aus befeuert werden (vgl. Lorenzen-Schmidt und Pelc, a.a.O., Seite 46).

© Dieter Johannsen

Literaturhinweise:

  • Prof. Dr. O. Lehmann, Nordfriesischer Pesel aus der Gegend von Viöl, in: Das Heimatbuch der Nordfriesen, zusammengestellt unter Mitarbeit vieler Heimatkundiger von Dr. H. H. Schulz, Thordsen Verlag, Seite 55 ff., Hamburg 1957
  • H. W. Jessel, Fliesen in alten Friesenhäusern, in: Das Heimatbuch der Nordfriesen, zusammengestellt unter Mitarbeit vieler Heimatkundiger von Dr. H. H. Schulz, Thordsen Verlag, Seite 60 ff., Hamburg 1957
  • Thomas Steensen, Hans-Peter Ziemek, Kleines Hallig-ABC, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 2019
  • Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc (Hrsg.), Schleswig-Holstein Lexikon, Seite 407, Wachholz Verlag, Neumünster 2000

Abbildung:

  • Pesel im Altfriesischen Haus, Keitum auf Sylt
    Urheber: Hermann Junghans, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons