Der Schimmelreiter

Als eine der bekanntesten Novellen von Theodor Storm gilt ›Der Schimmelreiter‹. Es war Storms letzte Novelle, die im Jahre 1888 veröffentlicht wurde. Nicht wenige Nordfriesen sind geneigt, den ›Schimmelreiter‹ als ein auf Nordfriesland bezogenes Epos anzusehen.

Inhaltsangabe:

Der Schimmelreiter | Fotografie des Sylter Leuchtturms Langer Christian in KampenDer Ich-Erzähler berichtet von einem Ereignis, das sich in den Zwanziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts ereignete: Während eines schon seit Tagen anhaltenden starken Unwetters im Oktober reitet der Erzähler, vom Hofe eines  Verwandten kommend, auf einem nordfriesischen Deich in Richtung Stadt, die noch einige Stunden von ihm entfernt liegt. Die Dämmerung setzt bereits ein und auf den Weideflächen der Marsch ist das Vieh bereits entfernt worden. Eintönigkeit und schneidende Kälte breiten sich aus, während die gelb-grauen Wellen im Sturm wütend gegen den Deich schlagen. Inseln und Halligen lassen sich nicht mehr erkennen, Himmel und Erde nicht mehr unterscheiden. Der Erzähler verspürt angesichts des bedrohlichen Sturms, der zunehmenden Finsternis, Kälte und Nässe den starken Wunsch, in die Sicherheit des warmen Quartiers umzukehren. Doch der Weg zurück war bereits länger als der nach dem Reiseziel.

Vertieft in solchen Betrachtungen erkennt er im fahlen Licht des Mondes plötzlich eine dunkle Gestalt, die sich ihm auf einem hageren und hochbeinigen Schimmel zügig nähert, bis diese mit im Winde flatterndem, dunklem Mantel an ihm vorbei eilt. In dem kurzen Augenblick der Begegnung sehen ihn »zwei brennenden Augen aus einem bleichen Antlitz an« (Der Schimmelreiter, Seite 11). Und obwohl Pferd und Reiter dicht am Erzähler vorbei hasten, waren weder Hufschlag noch Keuchen des Pferdes zu vernehmen. Noch während der Ich-Erzähler über diesen sonderbaren Vorgang nachdenkt, eilen Ross und Reiter von rückwärts kommend wieder dicht an ihm vorbei. Auch diesmal geschieht dies wie schon zuvor auf unheimliche Weise lautlos. Wenig später verschwindet die Gestalt allmählich in Richtung Binnenseite des Deiches.

Mit Erleichterung sieht er kurze Zeit darauf die Lichter eines großen Hauses, das auf halber Höhe des Binnendeiches steht und sich als Wirtshaus herausstellt. Er tritt in den Gastraum ein und gewahrt etwa ein Dutzend Männer, die an einem großen Tisch sitzen. Schnell kommt er mit dem dort anwesenden Deichgrafen ins Gespräch, dem er von der sonderbaren und lautlos vorbeieilenden Gestalt auf dem Deich berichtet. Unvermittelt wird es still in dem Gasthaus, bis jemand unter den Anwesenden erschrocken ruft: »Der Schimmelreiter!« (Der Schimmelreiter, Seite 14). Der Ich-Erzähler wird neugierig und möchte nun mehr wissen und was es mit dem ›Schimmelreiter‹ auf sich habe. Ein in der hinteren Gaststube, etwas abseits sitzender, schon leicht gebeugter Schulmeister wird als geeigneter Berichterstatter angesehen und von den übrigen Anwesenden gedrängt, von den Ereignissen zu berichten, die sich um den ›Schimmelreiter‹ ranken.

Der Schulmeister lässt sich nicht lange bitten, während er sich mit zustimmendem Lächeln neben den Ich-Erzähler und zu den übrigen Gästen an den langen Gaststubentisch setzt. Die nun von ihm vorgetragene Geschichte geschah etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt jener Ereignisse steht der noch junge und spätere Deichgraf Hauke Haien, die Hauptfigur der Novelle ›Der Schimmelreiter‹,  und dessen Vater Tede Haien, der einige Fennen besaß auf denen er Raps und Bohnen unterhielt. Schon früh sah der Junge seinem Vater zu, der häufig Messungen und Berechnungen vornahm und allerhand Notizen entwarf. Eines Tages findet der neugierige Hauke auf dem Dachboden des Elternhauses ein holländisches Buch von Euklid, außerdem eine holländische Grammatik. Beide noch vom Großvater stammenden Bücher kann er behalten. Tede Haien zweifelte allerdings den Nutzen beider Ausgaben für seinen Sohn an. Doch der Winter hatte gerade erst begonnen und der Mathematiker Euklid von Alexandria (geboren etwa 365 v. Chr.) entsprach in gewisser Weise dem damaligen Zeitgeist. Zur Blütezeit der Stachelbeeren, etwa Ende April, hatte Hauke Haien ›seinen‹ Euklid, den er immer dabei hatte, in vielen Teilen bereits verstanden.

Tede Haien, der für die Studien seines Sohnes wenig Verständnis aufbrachte, erkennen musste, dass dieser für Kühe und Schafe wenig im Sinn hatte und er einen ›Halbgelehrten‹ für seine Fennen nicht brauchen konnte, schickte seinen Jungen an den Deich, um mit anderen Arbeitern bis gegen Ende Oktober Erde zu karren. »Das wird ihn vom Euklid kurieren«, hoffte er bei sich selbst (Der Schimmelreiter, Seite 17). Doch der Vater irrte sich. Hauke Haien karrte zwar Tag für Tag die Erde. Aber in den Pausen saß er auf seiner umgestülpten Karre und beschäftigte sich mit seinem Euklid. Wenn im Herbst bei aufsteigenden Fluten die Arbeit hin und wieder eingestellt werden musste, saß er viele Stunden an der Außenböschung des Deiches, um die hart hinaufschlagenden Nordseewellen zu beobachten. Kamen sie ihm zu nah, rückte er einige Fuß höher hinauf und blieb dann wieder unermüdlich sitzen. Häufig verharrte er so bis in die einbrechende Nacht, während die anschlagenden Wellen immer wieder an die gleiche Stelle schlugen und ganz allmählich »vor seinen Augen die Grasnarbe des steilen Deiches auswuschen« (Seite 18). In Hauke Haien reifte die Erkenntnis, dass die Deiche zur Seeseite hin zu steil waren und zu viel Angriffsfläche boten, die sie auf Dauer nicht bestehen konnten. Nur duch einen sanfteren Abfall ließ sich die Wucht des anschlagenden Wassers mildern.

So zog es Hauke selbst bei ansteigenden Fluten und heftigen Winden immer wieder zum Deich und nicht selten entwickelten sich deshalb  zwischen Vater und Sohn lebhafte Auseinandersetzungen. Für den ehrgeizigen Hauke boten die Deiche wenig Sicherheit, war doch die Wasserseite zu steil um den anrollenden Wassermassen auf Dauer standhalten zu können.

In den folgenden Monaten nahm seine Unzufriedenheit zu und auch die Streitigkeiten mit dem alten Vater. »Man wird grimmig in sich, wenn man’s nicht an einem ordentlichen Stück Arbeit auslassen kann« (Der Schimmelreiter, Seite 29), gab Hauke zu erkennen, der wenige Tage zuvor bereits im Zustand unkontrollierten Jähzorns den Angorakater, Lebensinhalt und Zierde der alten Trien‘ Jans, totgeschlagen hatte. Tede, der fürchten musste, dass alles nur noch schlimmer kommen könnte, forderte von seinem Sohn, dass es Zeit sei, sich endlich einen Dienst zu beschaffen. Außerdem sei die Kate, in der sie lebten, für beide auf Dauer zu klein.

Hauke stimmte seinem Vater bei und schlug vor, im Hause des Deichgrafen Tede Volkerts, der mit seiner achtzehnjährigen Tochter Elke ein langgestrecktes, großes Haus unterhielt, als Kleinknecht seinen Dienst zu verrichten. Zufällig war diese Position frei, da der Hauswirt den bisherigen Kleinknecht fortjagen musste und insgeheim barg Hauke in sich die Hoffnung, dass er seine Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen würde einbringen und es künftig selbst einmal zum Deichgrafen bringen zu können. In den Augen Tede Haiens war Tede Volkerts nur einfach »dumm wie ’ne Saatgans« (Der Schimmelreiter, Seite 30), der es nur deshalb zum Deichgrafen gebracht habe, weil schon sein Vater und Großvater es gewesen seien und weil er 29 Fennen besaß. Trotz der vorhandenen Vorbehalte ermunterte Tede Haien seinen Sohn, sein Glück zu versuchen. Elke stand ihrem Vater, der weder von Zahlen noch von Rechnungen viel verstand, hin und wieder in der Buchhaltung und bei den notwendigen Berechnungen zur Seite. Wenn aber um Martini herum die Deich- und Sielrechnungen anstanden, wurde der Schulmeister mit Weizenkringeln, Gansbraten und Met geködert und umschmeichelt, so dass dieser mit gespitzter Feder die Zahlenkolonnen durchlief und die Rechnungen schrieb.

Am darauffolgenden Tag sprachen Tede und Hauke Haien beim Deichgrafen vor, der bald darauf auch sein Einverständnis erklärte und in Hauke jemanden fand, der ihm nicht nur am Deich, vielmehr auch in der Buchhaltung zur Seite stehen und »mit Feder oder Rechenstift so manches profitieren« konnte (Der Schimmelreiter, Seite 36). Tede Haien handelte für seinen Sohn noch einige weitere Vergünstigungen aus, die zuvor zwischen Vater und Sohn zu wenig bedacht und nun im Kontrakt abschließend festgelegt wurden.

Wenig einverstanden mit Hauke Haien war der gesprächige und ebenfalls im Hause des Deichgrafen tätige Großknecht Ole Peters, der mit dem zwar stillen aber geistig weit überlegenen Hauke nicht viel anzufangen wusste. Den schlichten, stämmigen, übergewichtigen und gutmütigen Vorgänger Haukes, Niß, konnte er nach Belieben herumstoßen und für grobe Arbeiten einteilen. Mit Hauke, der eine ganz eigene, selbstbewusste Art hatte, ihn anzuschauen, war dies nicht nicht möglich, obgleich er stets versuchte,  ihn für schwere und die seinem schlanken, noch nicht gefestigten Körper hätten gefährlich werden können. Aber Elke Volkerts, die sich mit dem Jungen sehr verbunden fühlte und ihn gut verstand, wusste dies regelmäßig abzuwenden.

An einem Abend im Mai holte sich der alte Deichgraf Hauke zum ersten Mal in die Stube, um notwendige Berechnungen durchzuführen zu lassen. In den folgenden Monaten geschah dies immer häufiger, während der Deichgraf nicht selten in seinem Lehnstuhl im hinteren Teil der Stube einschlief und dazu vernehmlich schnarchte. Für Hauke und Elke waren dies Momente, um leise miteinander zu sprechen und ihr Interesse füreinander zu zeigen. Auch war dies die Zeit, in der Hauke gegenüber Tede Volkerts auf Mißstände draußen am Deich hinwies und darauf, dass die Durchsetzung der Deichordnung zu wenig Beachtung fände, nutzte das Beisammensein, auf schädliches Handeln oder Unterlassen in Deichangelegenheiten hinzuweisen. Mehr und mehr kam es so in der Verwaltung oder am Deich zu lebhafteren Aktivitäten, die der Oberdeichgraf, wenn er zur Begutachtung kam, dem behäbigen Deichgrafen gegenüber lobend herausstellte, in der Annahme, dass sie von diesem ausgingen. Tatsächlich war es Hauke, der alles das sah, was der alte Deichgraf eigentlich hätte sehen sollen.

Inzwischen war Hauke in seinem dritten Dienstjahr, in welchem, wie in jedem Jahr, das traditionelle ›Eisboseln‹ abgehalten wurde. Jeweils neun Werfer bildeten die Geestmannschaft auf der einen und die Marschmannschaft auf der anderen Seite.  Hauke, der fürchtete, von seinem Konkurrenten Ole Peters, der als Kretler (Wortführer) einen Ehrenposten innehatte, zurückgewiesen zu werden, wollte sich eigentlich nicht beteiligen, ließ sich aber von Elke Volkerts zur Teilnahme überreden. Trotz der Bemühungen Ole Peters, ihn als Mitglied der Marschmannschaft auszuschließen zu wollen, wurde Hauke – von Ole bezüglich Elke Volkerts als Kokurrent betrachtet – von der Mehrheit der Teilnehmer als der ›wahre‹ Deichgraf angesehen und daher als unentbehrlicher Werfer eingeteilt. Für die übrigen Werfer sollte sich diese Eintscheidung als richtig herausstellen. Das Spiel dauerte bis in den frühen Abend hinein. Hauke, der sich bereits während seiner Knabenzeit täglich in Mathematik und Wurftechnik übte, erzielte mit jedem Wurf eine größere Weite, bis die weiß gekalkte Tonne endlich in Sichtweite kam. Und nun ließ Hauke die Kugel vor seinem nächsten Wurf einige Male in seiner Hand auf und ab gleiten, bevor er sie schließlich in einem entschlossenen Kraftaufwand und mit äußerster Anspannung aller Sinne für die Umstehenden ganz unerwartet in die noch weit entfernte Tonne plazierte und der Marschmannschaft den ersehnten und bejubelten Sieg brachte.

 

Literatur:
Storm, Theodor: Der Schimmelreiter, Kröner Verlag, Stuttgart 2016